Vater, Mutter, Kind. Das Standardbild einer Familie in den Köpfen unserer Gesellschaft – und das wird auch Kindern so beigebracht, die das dann in genau dieser Rollenverteilung im Kindergarten nachspielen. Bei „Mama I und Mama J“ ist das aber anders. Isabella* und Julia* sind seit mittlerweile über sechs Jahren ein Paar und seit drei Jahren verheiratet. Um das Glück ihrer Regenbogenfamilie zu vervollkommnen, erblickte vor 18 Wochen ihr kleiner Sohnemann das Licht der Welt. Wir haben mit den beiden gesprochen, über das Modell: Mutter, Mutter, Kind.

Mutter Mutter Kind

Eine Familie: Mutter, Mutter und das Wunschkind.

Traditionelle Auffassungen

Den beiden Frauen war von Anfang an klar, dass sie zueinander gehören und begründen das damit, dass sie gar nicht mehr wissen, ob sie zuerst zusammen gezogen sind oder „erst den Jungennamen fürs potenzielle Kind besprochen haben.“ Das liegt aber ganz einfach auch daran, dass sich die Vorstellungen von Isabella und Julia ziemlich ähneln und überschneiden: „Traditionell spießig soll es sein. Hochzeit, Kinder, Grillpartys im Garten.“

Mama I und Mama J

Auch wenn die beiden „gerne die Emanzipationsfahne schwenken würden“: Auf unsere Frage hin, ob es eine „Art Mann“ in der Beziehung gibt, geben sie offen zu, dass Mama Julia eindeutig den männlichen Part übernimmt. Sie ist die Hauptverdienerin, ist für Handwerkliches zuständig und hat generell eher männliche Denkmuster. Auch das äußere Erscheinungsbild Mama Julias wirkt eher maskulin, so sehr, dass Mama Isabellas Vater „schon öfters mal das Wörtchen ‚er‘ rausgerutscht ist“– was ihr aber natürlich nicht gefällt.

Zwei Mamas-Zwei potentielle Schwangere

Dass Mama Isabella das Kind bekommen hat, hat aber nichts mit dieser Rollenverteilung zu tun. Mama Isabella war es einfach wichtiger, die Erfahrungen einer Schwangerschaft und Geburt zu machen und hat sich deshalb „vorgedrängelt“. Vorgedrängelt deshalb, weil es nicht ausgeschlossen ist, dass Mama Julia eines Tages auch noch ein „Geschwisterchen“ austrägt. „Man muss das doch ausnutzen, wenn man schon entscheiden kann, wer das Kind bekommt.“

Befangenheiten

Vorurteile begleiten die beiden Frauen auf Schritt und Tritt. Das fängt bei der Wohnungssuche an oder das zeigte das Personal der Wochenbettstation. „Es ist ein schwieriger Spagat, sich nicht auf Diskussionen einzulassen, aber sich auch nicht benachteiligen zu lassen.“ Schön ist aber, dass die Familien Mama Isabellas und Mama Julias ihren Unmut endlich abgegeben haben und die Wogen geglättet sind. „Selbst meine erzkatholische Oma hat uns mit ihrer Offenheit und Zuneigung überrascht.“

Angst vor den Resonanzen

Die beiden finden es wichtig, ihrem Kind vorzuleben, „dass seine Familie okay ist, auch wenn es Leute gibt, die das anders sehen.“ Das wird eine große Aufgabe werden, vor allem, wenn das Kind in der Schule ist. Die beiden Mamas haben weniger Angst vor den Reaktionen, sondern davor, dass diese ihrem Sohn wehtun werden und er vielleicht die eine oder andere unnötige Krise durchstehen muss. „Wir werden versuchen, ihn stark zu machen, ihm von Anfang an begleitend und auch schützend zur Seite zu stehen. Wir werden kämpfen, wenn sein Selbstverständnis nicht mehr ausreicht.“

Das Projekt Baby

MamaIundMamaJ

Mama I und Mama J bei ihrer Hochzeit vor sechs Jahren.

Das klingt nach Powerfrauen und starken Worten. Schon vor der Geburt ihres Sohnes bloggen die beiden über das „Projekt Baby“. Wie genau das ablief? Die Spendersuche gelang reibungs- und problemlos über Kontakte, Haar- und Hauttyp passten in etwa: „Das war für meine Frau wichtig, damit es ihr leichter fällt, sich als CoMama auch gleich mit dem Baby zu identifizieren.“ Mama Isabella fing mit Zyklusbeobachtung an, um ihre fruchtbaren Tage einzugrenzen und damit die Insemination erfolgreicher ist. Wahnsinnig nervös waren die beiden zunächst, weil sie nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten, wenn der Spender aus dem Bad kommt und den magischen Becher überreicht. „Mit einer Spritze haben wir das Sperma aus dem Becher aufgezogen und an Ort und Stelle gebracht.“

Erfolgreich war es erst beim fünften Versuch: drei negative Ergebnisse und eine tragische frühe Fehlgeburt später gab es dann den Volltreffer. Auf die alles entscheidende Frage, ob die beiden Frauen etwas in ihrem Leben hätten anders machen wollen, sind sie sich einig: „Im Großen und Ganzen haben genau die Wege, die wir gegangen sind, uns an diesen Punkt hier gebracht. Manches soll so geschehen, wie es geschieht. Davon sind wir überzeugt.“

 

*die Namen wurden aus Gründen der Rücksicht und der Anonymität von der Redaktion geändert.

 

Information zum Thema Stiefkindadoption
Viele Kinder in Regenbogenfamilien werden benachteiligt, indem ein Adoptionspflegejahr abgewartet werden soll, bis adoptiert werden kann. Dieses ist allerdings für diese Kinder ein absoluter Nachteil. Obwohl sie von Anfang an zwei, sich sorgende Elternteile haben, will man warten um beurteilen zu können, ob eine Bindung geglückt ist. Dazu werden vom Jugendamt die Gesundheit des Stiefelternteils und die wirtschaftlichen Verhältnisse überprüft.

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