„Ihr Kind hat Diabetes.“ Für die meisten Eltern wird mit dieser Diagnose das Leben auf den Kopf gestellt. Denn Kinder mit Typ-1-Diabetes brauchen viel Aufmerksamkeit und eine besondere Betreuung. Was Eltern über das Leben mit der Zuckerkrankheit wissen müssen und warum ein Diabetikerwarnhund den Alltag eines erkrankten Kindes erleichtern kann, verraten wir euch in diesem Artikel.

Diabetes bei Kindern

Leben mit der Zuckerkrankheit

30.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben in Deutschland mit der Diagnose Diabetes Typ 1. Im Gegensatz zu Typ 2, die umgangssprachlich auch als Altersdiabetes bezeichnet wird, spielt beim ersten Typ Übergewicht keine Rolle für die Entstehung. Jährlich steigen die Neuerkrankungen um ca. zwei bis vier Prozent. Damit ist Diabetes die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern. Die Zuckerkrankheit sorgt dafür, dass Betroffene nicht mehr in der Lage sind, körpereigenes Insulin zu produzieren. Die Konsequenz: Insulin muss gespritzt werden, um den Blutzucker im normalen Bereich zu stabilisieren. Ansonsten drohen Organschäden. (Quelle)

Der ganz normale Alltag

Das Spritzen von Insulin und regelmäßige Messen der Blutzuckerwerte muss bei kleinen Kindern genau überwacht werden und fordert von Erziehungsberechtigten große Sorgfalt. Besonders nachts droht eine sogenannte Hypoglykämie (Unterzuckerung), die bei Nichtbehandlung zur Bewusstlosigkeit führen kann. Doch trotz einer Vielzahl von Einschränkungen kann sich das Leben mit Diabetes wieder normalisieren. Wichtig ist vor allem die erste Umstellung nach der Diagnose. Zu Orientierung hilft zum Beispiel ein Diabetes-Startpaket mit Adressen für die Kinderdiabetologen-Suche und Informationen zu allem, was auf Reisen oder im Kindergarten und der Schule benötigt wird.

Kinder mit Diabetes benötigen besondere Betreuung, doch Rennen und Toben können sie ebenso wie ihre Spielkameraden.

Kinder mit Diabetes benötigen besondere Betreuung, doch Rennen und Toben können sie ebenso wie ihre Spielkameraden.

Damit Diabetes nicht den Alltag einnimmt, sondern ein ganz normaler Teil des täglichen Lebens wird, hilft auch der Austausch mit anderen Eltern, die zuckerkranke Kinder haben. Eine gute Anlaufstelle ist der Blog kinder-mit-typ1-diabetes. Vier Mütter, deren Kinder an Diabetes Typ 1 erkrankt sind, berichten über ihr Leben und den Alltag mit der Zuckerkrankheit. Ob das Verweigern von Essen wegen Blutzuckermessen oder BE-Schätzen mithilfe von “BE-Karteikarten”: Kathy, Heike, Mandy und Silke schildern regelmäßig ihre Erfahrungen mit der Krankheit, ohne zu dramatisieren. Ganz nach dem Motto „Typ 1 Diabetes-Kinder sind wie alle anderen Kinder!“

Kann ein Diabetikerwarnhund helfen?

Doch auch wenn Kinder mit Diabetes schnell lernen können, ihre Krankheit zu managen, erfordert das Blutzuckermessen doch einiges an Zeitaufwand, besonders wenn die Kinder noch sehr klein sind. Helfen können dabei Insulinpumpen oder Diabetikerwarnhunde, die dazu ausgebildet werden, am Atem oder Körpergeruch des Diabetikers den Blutzuckerwert zu erkennen und bei Unter- oder Überzuckerung Alarm schlagen.

Vegas warnt Simon bei Unter- oder Überzuckerung.

Vegas warnt Simon bei Unter- oder Überzuckerung.

Heike Lemmer ist Besitzerin eines Diabetikerwarnhundes, auch als Hypowarnhund bekannt, und selber zuckerkrank. Die Mutter des 10-jährigen Simon, bei dem vor vier Jahren Diabetes festgestellt wurde, hat ihren Diabetikerwarnhund Vegas in einem Heim gefunden, nachdem er aus einer Tötungsstation von der griechischen Insel Samos gerettet worden war. Die ganze Geschichte könnt ihr hier nachlesen.

Vegas merkt oft eher als wir, dass Simon oder ich mit dem Zucker nicht da sind, wo wir sein sollten. Da sie zu hohe Werte (ab ca. 180mgdl) und zu niedrige Werte (unter ca. 60mg/dl) anzeigt und zwei Diabetiker für die Anzeigen hat, kommt sie täglich zum Einsatz.

Die zu hohen oder niedrigen Werte zeigt Vegas an, indem sie kratzt. Da Simon nachts in einem Hochbett schläft, wurde ihr beigebracht, auf einen Funkbuzzer zu treten.

Ausbildung in Eigenregie

Rund 300 Euro zuzüglich Fahrtkosten hat Heike für die Ausbildung von Vegas im Hundezentrum Siegerland bezahlt, was im Vergleich zu den herkömmlichen Preisen von mehreren tausend Euro

Da Simon im Hochbett schläft, tritt Vegas im Zucker-Notfall auf einen Buzzer, der im Schlafzimmer der Eltern eine Funkglocke aktiviert.

Da Simon im Hochbett schläft, tritt Vegas im Zucker-Notfall auf einen Buzzer, der im Schlafzimmer der Eltern eine Funkglocke aktiviert.

für sie mehr als akzeptabel ist. Doch die geringen Kosten waren kein reines Glück: Die Hundeschule rechnet nämlich in Einzelstunden ab. Das heißt, je schneller Hund und Frauchen oder Herrchen lernen, desto günstiger wird es. Vegas hat erstaunlich schnell gelernt, und so bliebe es bei relativ wenigen Stunden.

Eine offizielle Prüfung zum Diabetikerwarnhund hat Vegas nicht abgelegt, denn dafür war sie mit vier Jahren schon zu alt. Doch in einigen Hundeschulen können Sie auch eine „eigene Prüfung“ absolvieren und bekommen zusätzlich eine Kenndecke überreicht, mit der Hund und Halter Lokalitäten mit Hundeverbot besuchen können, jedoch keinen Rechtsanspruch darauf haben.

Der Diabetikerwarnhund als notwendiger Lebensretter?

Die hohen Kosten für einen ausgebildeten Diabetikerwarnhund sind es auch, die viele Eltern dazu veranlassen, öffentlich nach Spenden zu fragen. Doch den Hypowarnhund als notwendigen Lebensretter darzustellen, sieht Heike eher kritisch.

Wenn ich lese, dass Eltern mit kleinen Kindern mit Diabetes in der Presse schreiben, dass sie überfordert sind, nicht mehr schlafen und immer Angst haben, dass das Kind unterzuckern könnte, dann frage ich mich, wie man noch zusätzlich die Zeit und die Kraft aufbringen will, einem Hund gerecht zu werden und noch zusätzlich einen solchen Hund auszubilden.
Vegas gehört ganz klar zur Familie Lemmer, doch Heike und Simon können auch ohne die Fähigkeiten des Diabetikerwarnhundes den Alltag bewältigen.

Vegas gehört ganz klar zur Familie Lemmer, doch Heike und Simon können auch ohne die Fähigkeiten des Diabetikerwarnhundes den Alltag bewältigen.

Denn Vegas ist für Familie Lemmer ganz klar eine Bereicherung, aber sie sind auch nicht hilflos ohne den Diabetikerwarnhund. So begleitet Vegas Simon nicht zur Schule und Heike auch nicht in die Arbeit, denn ein Hund ist immer auch ein Lebewesen, das Aufmerksamkeit braucht und keine Maschine, die auf Knopfdruck funktioniert.

Alle, die darüber nachdenken, sich einen Diabetikerwarnhund anzuschaffen, sollten sich deshalb genau überlegen, ob sie die Arbeit, die mit einem Hypowarnhund anfällt, bewältigen können und ihr Familienleben mit einem Vierbeiner teilen möchten. Erst mit den richtigen Voraussetzungen kann ein Hund wie Vegas das Leben mit Diabetes erleichtern und Kindern dazu noch ein treuer Gefährte werden.

Wir danken Heike Lemmer für das Interview.

 

Bild 1: © istock.com/Anetta_R , Bild 2: © istock.com/monkeybusinessimages , Bilder 3-5: ©Heike Lemmer